Autism Research Review International, 1987, Bd. 1, Nr. 4, S. 3
Vitamin B6 (und Magnesium) für die Behandlung des Autismus
Die Ergebnisse sämtlicher – insgesamt 18 - mir bekannter Studien zur Beurteilung der Wirksamkeit von Vitamin B6 bei der Behandlung autistischer Kinder waren positiv. Das ist eine recht beeindruckende Statistik, vor allem darum, weil die vielen Medikamente, die bisher als Therapie bei Autismus studiert worden sind, sehr widersprüchliche Wirkungen zeigten. Ein Medikament, das sich in ungefähr der Hälfte der durchgeführten Beurteilungsstudien als wirksam erweist, gilt als Erfolg und wird für die Verwendung bei autistischen Patienten empfohlen. Trotz der außerordentlich konsistenten Ergebnisse wissenschaftlicher Studien zur Untersuchung der Behandlung autistischer Patienten mit Vitamin B6 und der weitaus größeren Sicherheit von Vitamin B6 im Vergleich zu allen bei autistischen Kindern eingesetzten Medikamenten gibt es gegenwärtig nur sehr wenige Ärzte, die Vitamin B6 entweder verwenden oder dessen Verwendung bei der Behandlung des Autismus empfehlen.
Die Forschungsarbeit zur Prüfung der Wirksamkeit von Vitamin B6 als Therapie bei autistischen Kindern begann in den sechziger Jahren. 1966 berichteten zwei britische Neurologen, A. F. Heeley und G. E. Roberts, ein Tryptophan-Belastungstest habe bei 11 von 19 autistischen Kindern abweichende Metabolitenwerte im Urin festgestellt. Durch die Gabe einer einzigen 30 mg Vitamin B6-Tablette normalisierten sich diese Werte; es wurden jedoch keine Verhaltensstudien durchgeführt. Ein deutscher Forscher, V. E. Bonisch, berichtete 1968 von einer bedeutenden Besserung in Bezug auf das Verhalten bei 12 von 16 autistischen Kindern, denen hohe Dosen (100 mg bis 600 mg pro Tag) Vitamin B6 verabreicht worden waren. Im Verlauf dieser offenen klinischen Studie redeten drei von Bonischs Patienten nach der Einnahme von Vitamin B6 zum ersten Mal.
Nach der Veröffentlichung meines Buches Infantile Autism im Jahre 1964 gingen bei mir Hunderte von Briefen von Eltern autistischer Kinder aus den ganzen Vereinigten Staaten ein. Unter diesen Eltern befanden sich auch einige, welche die damals noch ungewohnte Idee, autistischen Kindern Megadosen von Vitaminen zu geben, ausprobiert hatten. Die meisten von ihnen hatten nach der Lektüre von Büchern bekannter Autoren zum Thema Ernährung mit dem Experimentieren mit verschiedenen Vitaminen begonnen. Ich betrachtete die bemerkenswerten Fortschritte, von denen einige dieser Eltern berichteten, anfänglich mit einiger Skepsis. Doch als sich immer mehr Beweismaterial anhäufte, wurde mein Interesse geweckt. Mittels eines Fragebogens, den ich an die rund 1000 Eltern auf meiner Mailingliste verschickt hatte, erfuhr ich, dass 57 Familien mit hochdosierten Vitaminen experimentiert hatten. Viele von ihnen hatten bei ihren Kindern eine positive Wirkung festgestellt. Aufgrund dieser Berichte unternahm ich eine groß angelegte, über 200 Kinder umfassende Studie, bei der den Probanden Vitamin B6, Nicotinsäure (B3), Pantothensäure (B5) und Vitamin C in hohen Dosen sowie eine eigens für diese Studie entwickelte Multivitamintablette verabreicht wurden. Die in den USA und Kanada lebenden Kinder wohnten zu Hause bei ihren Eltern und wurden alle von ihrem jeweiligen Hausarzt medizinisch überwacht. (Über 600 Familien stellten sich für die Studie zur Verfügung. Den meisten von ihnen gelang es jedoch nicht, die Skepsis ihres Arztes zu zerstreuen.)
Am Schluss der viermonatigen Studie war klar, dass es sich beim B6 um das wichtigste der vier geprüften Vitamine handelte, und dass dieses in einigen Fällen eine beachtliche Besserung bewirkt hatte. Bei 30 bis 40 Prozent der Kinder hatte die Verabreichung von Vitamin B6 eine signifikante Besserung zur Folge. Bei einer kleinen Anzahl der Kinder wurden geringfügige Nebenwirkungen (Gereiztheit, Empfindlichkeit auf Geräusche, Bettnässen) beobachtet. Diese verschwanden jedoch rasch, wenn zusätzliches Magnesium verabreicht wurde. Die Gabe von Magnesium brachte überdies noch weitere positive Wirkungen mit sich.
Zwei Jahre später lancierten zwei Kollegen und ich eine zweite experimentelle Studie zur Untersuchung der Behandlung autistischer Kinder mit hochdosierten Vitaminen. Dieses Mal konzentrierten wir uns auf Vitamin B6 und Magnesium. Meine Mitforscher waren Professor Enoch Callaway am University of California Medical Center in San Francisco und Professor Pierre Dreyfus am University of California Medical Center in Davis. Die doppelblinde, placebokontrollierte Crossoverstudie umfasste 16 autistische Kinder und erzielte wiederum statistisch signifikante Resultate. Bei den meisten Kindern betrug die verabreichte B6-Dosis zwischen 300 mg und 500 mg pro Tag. Den Probanden wurden überdies täglich mehrere hundert mg Magnesium und eine B-Komplex-Tablette verabreicht, um einem durch Vitamin B6 verursachten Mangel an diesen Nährstoffen vorzubeugen. (Das durch Megadosen B6 hervorgerufene temporäre Taubheitsgefühl und das Kribbeln, von denen Schauburg et al. berichteten, waren höchstwahrscheinlich Symptome eines Mangels an anderen Nährstoffen, der auf die Einnahme enormer Mengen B6 zurückzuführen war � ein Hinweis, dass die Gabe von B6 allein ein grober Fehler ist.)
In beiden Studien bewirkte die Verabreichung von Vitamin B6 bei den Kindern eine erstaunliche Vielfalt an Fortschritten. So wurden unter anderem besserer Blickkontakt, weniger selbststimulierendes Verhalten, mehr Interesse an der Umwelt, weniger Wutausbrüche und häufigeres Sprechen beobachtet. Der Zustand der Kinder normalisierte sich allgemeinen, obwohl man nicht von einer vollständigen Heilung sprechen konnte.
Der Bedarf an B6 variiert von Person zu Person enorm. Den Kindern, bei denen die Einnahme von B6 eine Besserung bewirkte, ging es besser, weil sie zusätzliches B6 gebraucht hatten. Folglich handelt es sich beim Autismus in manchen Fällen um ein durch einen Mangel an Vitamin B6 hervorgerufenes Syndrom.
Nach der Mitarbeit an unserer Studie reiste Professor Callaway nach Frankreich und überredete dort Professor Gilbert LeLord und seine Kollegen zur Lancierung zusätzlicher Forschungsarbeiten zur Therapie autistischer Kinder mit B6/Magnesium. Obwohl die Idee, etwas so harmloses wie ein Vitamin könne einen Einfluss auf eine derart gravierende Störung wie Autismus haben, bei den französischen Forschern anfänglich auf Skepsis stieß, machte bereits das erste, nur zögernd unternommenes Experiment an 44 stationär untergebrachten Kindern aus Skeptikern überzeugte Befürworter. Inzwischen hat das Team sechs Studien zur Beurteilung der Wirksamkeit einer Therapie autistischer Kinder und Erwachsener mit Vitamin B6, mit und ohne zusätzliches Magnesium, veröffentlicht. In diesen Studien wurden in der Regel Dosen bis zu einem Gramm Vitamin B6 und bis zu einem halben Gramm Magnesium verwendet.
LeLord und seine Kollegen untersuchten nicht nur das Verhalten der autistischen Kinder, sondern maßen überdies die ausgeschiedene Menge Homovanillinsäure (HVA) und anderer Metaboliten im Urin. Die Forscher führten zudem verschiedene Studien durch, welche die Wirkung von Vitamin B6 bzw. Magnesium auf die elektrische Aktivität des Gehirns der Patienten analysierten. Die Ergebnisse aller dieser Studien waren positiv.
LeLord et al. haben ihre Ergebnisse bei 91 Probanden kürzlich wie folgt zusammengefasst: Bei 14% wurde eine bedeutende Besserung, bei 33% eine Besserung und bei 42% keine Besserung erzielt, während sich der Zustand von 11% verschlechterte. Die Forscher hielten fest: .. “in allen unseren Studien wurden keine Nebenwirkungen beobachtet�.” Diese Aussage bedeutet vermutlich, es seien keine physischen Nebenwirkungen festgestellt worden.
Die Ergebnisse mehrerer neulich von zwei amerikanischen Forschungsteams, Thomas Gualtieri et al. an der University of North Carolina, und George Ellman et al. am Sonoma State Hospital in Kalifornien, an autistischen Patienten durchgeführt Studien waren ebenfalls positiv.
Während kein Patient durch die Einnahme von Vitamin B6 und Magnesium geheilt wurde, gab es viele Fälle, bei denen eine bemerkenswerter Besserung erzielt wurde. In einem solchen Fall stand ein 18-jähriger Patient unmittelbar vor dem Ausschluss aus der dritten psychiatrischen Klinik in seiner Stadt. Selbst Medikamente in massiven Dosen hatten bei ihm keine Wirkung, und er galt als zu gewalttätig und aggressiv, um im Krankenhaus bleiben zu können. Die behandelnde psychiatrische Ärztin versuchte es als allerletztes Mittel mit B6/Magnesium. Der junge Mann beruhigte sich sehr rasch. Die Ärztin berichtete auf einer Sitzung, sie habe vor kurzem die Familie des Patienten besucht und ihn dabei als einen angenehmen und gelassenen jungen Menschen mit Autismus erlebt, der für sie gesungen und Gitarre gespielt habe.
Ein weiteres Beispiel: Eine verzweifelte Mutter telefonierte mir und bat um Informationen über überwachte Werkstätten an ihrem Wohnort, weil ihr 25-jähriger autistischer Sohn infolge seines unkontrollierbaren Verhaltens im Begriff sei, von seiner gegenwärtigen Werkstatt ausgeschlossen zu werden. Ich wusste um keine alternativen Arbeitsplätze für ihren Sohn, schlug der Mutter jedoch vor, es mit Super Nu-Thera, einem Vitaminpräparat mit B6, Magnesium und anderen Nährstoffen, zu versuchen. Ein paar Wochen später rief die Frau nochmals an, um mir begeistert zu erzählen, ihrem Sohn gehe es nun sehr gut. Sein Lohn in der bisherigen Werkstatt sei sogar drastisch erhöht worden, und zwar von einem Minimallohn von 1,50 Dollar pro Woche auf 25 Dollar pro Woche.
Im Hinblick auf die konsistenten Ergebnisse von Studien, welche die Sicherheit und Wirksamkeit der Nährstoffe B6 und Magnesium bei der Behandlung autistischer Menschen belegen, und in Anbetracht der Tatsache, dass kurz- bzw. langfristige Nebenwirkung bei der Verwendung von Medikamenten unvermeidlich sind, scheint es auf der Hand zu liegen, dass sich ein Versuch mit dieser sicheren und vernünftigen Therapie lohnt, bevor man zu Medikamenten greift.
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